Akten aus Brüssel

Aus dem Hauptquartier

Hier finden Sie Stoff zum Lesen. Anders als in der Propagandataktik des 2. Weltkrieges dienten die Heeresberichte als reine Informationsquelle. Im 2. Weltkrieg galten diese Berichte von deutscher Seite als unglaubwürdig. Wer sich informieren wollte hörte "Feindsender".

Im 1. Weltkrieg verhielt es sich anders. Die deutschen Heeresberichte wurden "als sehr genau" bezeichnet. Presseveröffentlichungen auf Seiten des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns stützten sich auf diese Berichte ebenso auf amtliche Mitteilungen örtlicher Kommunalverwaltungen.

Auch international galten Berichterstattungen besonders von der deutschen Seite als glaubwürdiger. Das Deutsche reich war auch schließlich die Nation, die sich immer wieder an die USA wendeten, die bis zum Kriegsbeitritt eine Vermittlerrolle einnahm. Dies und gerade besonders, wenn von Seiten der Entente gegen internationale Gesetze verstoßen wurde, wie zum Beispiel die Verwendung von DUM-DUM-Geschossen von Seiten Frankreichs.

Auf Seiten der Entente wurden die Printmedien weitaus mehr für propagandistische Zwecke entdeckt.

Hier wurde alles mögliche angestrengt, um die verhassten Hunnen in jeglicher Lage zu diffamieren und zu diskreditieren. Die USA wurde nicht als Vermittler gesehen, sondern als eine Nation, die es galt, auf ihrer Seite und zum Kriegseintritt zu bringen.

In der Kategorie "Heeresberichte" finden sich Mitteilungen aus den deutsch/österr.-ungar. Hauptquartieren und unter "Amtliche Mitteilungen" eben solche von Kommunalverwaltungen und internationalen Presse.

Ich lasse diese für den Leser unkommentiert.

Amtliche Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges

Angesichts der bei unseren Gegnern hervortretenden Bestrebungen, der deutschen "Militärpartei" und dem deutschen Militarismus die Schuld an dem gegenwärtigen Kriege zuzuschieben, veröffentlichen wir nachstehend eine Reihe von Berichten der deutschen diplomatischen Vertreter im Ausland, die die politischen und militärpolitischen Beziehungen der Ententemächte vor dem Kriegsausbruch zum Gegenstande haben. Von einer Bezeichnung der berichtenden Stellen und des genauen Datums ist aus nahe liegenden Gründen abgesehen worden.

Anmerkung: Folgende Inhalte sprechen für sich selbst!

Immer enger werden die Maschen des Netzes, in die es der französischen Diplomatie gelingt, England zu verstricken. Schon in den ersten Phasen des Marokkokonfliktes hat bekanntlich England an Frankreich Zusagen militärischer Natur gemacht, die sich inzwischen zu konkreten Vereinbarungen der beiderseitigen Generalstäbe verdichtet haben. Bezüglich der Abmachungen wegen einer Kooperation zur See erfahre ich von gewöhnlich gut unterrichteter Seite das Folgende:

Die englische Flotte übernimmt den Schutz der Nordsee, des Kanals und des Atlantischen Ozeans, um Frankreich die Möglichkeit zu geben, seine Seestreitkräfte im westlichen Bassin des mittelländischen Meeres zu konzentrieren, wobei ihm als Stützpunkt für die Flotte Malta zur Verfügung gestellt wird. Die Details beziehen sich auf die Verwendung von französischen Torpedoflottillen und Unterseebooten im Kanal und des englischen Mittelmeergeschwaders, das bei Ausbruch des Krieges dem französischen Admiral unterstellt wird.

Inzwischen hat die Haltung der englischen Regierung während der marokkanischen Krisis im Jahre 1911, in der sie sich als ein ebenso kritikloses wie gefügiges Werkzeug der französischen Politik erwiesen und durch die Lloyd Georgesche Rede den französischen Chauvinismus zu neuen Hoffnungen ermutigt hat, der französischen Regierung eine Handhabe geboten, um einen weiteren Nagel in den Sarg zu treiben, in den die Ententepolitik die politischen Entschließungsfreiheit Englands bereits gebettet hat.

Von besonderer Seite erhalte ich Kenntnis von einem Notenwechsel, der im Herbst vergangenen Jahres zwischen Sir Edward Grey und dem Botschafter Cambon stattgefunden hat, und den ich mit der Bitte um streng vertrauliche Behandlung hier vorzulegen die Ehre habe. In dem Notenwechsel vereinbaren die englische und französische Regierung für den Fall eines drohenden Angriffs von Seiten einer dritten Macht sofort in einen Meinungsaustausch darüber einzutreten, ob gemeinsames Handeln zur Abwehr des Angriffs geboten sei und gegebenenfalls, ob und inwieweit die bestehenden militärischen Vereinbarungen zur Anwendung zu bringen sein würden.

Die Fassung der Vereinbarungen trägt mit seiner Berechnung der englischen Mentalität Rechnung. England übernimmt formell keinerlei Verpflichtung Verpflichtung zu militärischer Hilfeleistung. Es behält dem Wortlaut nach die Hand frei, stets nur seinen Interessen entsprechend handeln zu können. Aß sich aber durch diese Vereinbarungen in Verbindung mit den getroffenen militärischen Abmachungen England de facto dem französischen Revanchegedanken bereits rettungslos verschrieben hat, bedarf kaum einer besonderen Ausführung.

Die englische Regierung spielt ein gefährliches Spiel. Sie hat durch ihre Politik in der bosnischen und in der marokkanischen Frage Krisen hervorgerufen, die Europa zweimal an den Rand eines Krieges brachten. Die Ermutigung, die sie direkt wie indirekt andauernd dem französischen Chauvinismus zuteil werden lässt, kann eines Tages zu einer Katastrophe führen, bei der englische wie französische Soldaten auf französischen Schlachtfeldern englische Einkreisungspolitik mit ihrem Blute bezahlen werden.

Foreign Office, den 22 November 1912

Mein lieber Gesandter! Von Zeit zu Zeit in den letzten Jahren haben die französischen und britischen Marine- und Militärfachleute miteinander beraten. Es hat sich dabei immer von selbst verstanden, dass eine solche Beratung nicht die Freiheit einer jeden Regierung einschränke, in irgendwelcher Zukunft zu entscheiden, ob der anderen mit bewaffneten Macht beizustehen sei oder nicht.

Wir sind überein gekommen, dass diese Beratung zwischen den Fachleuten weder jetzt, noch in der Zukunft als eine Verpflichtung für die Regierungen angesehen werden soll, in gewissen Fällen, die sich noch nicht ereignet haben, und die sich niemals ereignen mögen, handelnd einzugreifen. Die Anordnung z.B. der britischen und französischen Flotte bezüglich des gegenwärtigen Augenblicks ist nicht begründet auf eine Verpflichtung zum Zusammenwirken im Kriege.

Sie haben indessen darauf hingewiesen, dass wenn eine der beiden Regierungen gewichtigen Grund hätte, einen nicht herausgeforderten Angriff von einer dritten Macht zu erwarten, es wesentlich sein würde, zu wissen, ob sie bei einem solchen Ereignis auf die bewaffnete Hilfe der anderen rechnen könne. Ich stimme damit überein, dass, wenn eine der beiden Regierungen gewichtigen Grund hätte, einen nicht herausgeforderten Angriff von einer dritten Macht oder sonst etwas den allgemeinen Frieden Bedrohendes zu erwarten, sie sofort mit der anderen erörtern sollte, ob beide Regierungen zusammen handeln sollen, um dem Angriff zuvorzukommen und den Frieden zu bewahren, und wenn, welche Maßnahmen sie zum gemeinsamen Vorgehen vorbereiten sollen. Wenn diese Maßnahmen zum Eingreifen führen sollten, wären die Pläne der Generalstäbe zunächst in Betracht zu ziehen und die Regierungen würden dann entscheiden, welche Folge ihnen gegeben werden soll.

London, den 23. November 1912

Durch Ihren Brief vom gestrigen 22. November haben sie mich daran erinnert, dass in den letzten Jahren die Militär- und Marinebevollmächtigten Frankreichs und Großbritanniens sich von Zeit zu Zeit beraten haben, und dass dies stets so verstanden wurde, dass diese Beratungen nicht die Freiheit jeder Regierung beschränkten, in der Zukunft zu entscheiden, ob eine der anderen bewaffnete Hilfe leisten will, und dass ferner nach Übereinkunft weder jetzt noch künftig diese Beratungen als eine Verpflichtung angesehen werden sollten, die unsere Regierungen in gewissen Fällen zum Eingreifen verbände, dass ich indessen Sie darauf aufmerksam mache, wenn die eine oder andere Regierung gewichtige Gründe habe, einen nicht herausgeforderten Angriff von dritter Macht zu erwarten, es wesentlich sein würde, zu wissen, ob sie auf die bewaffnete Hilfe der anderen zählen könne. Ihr Brief antwortet auf diese Bemerkung, und ich bin ermächtigt, Ihnen zu erklären, dass, wenn eine unserer beiden Regierungen gewichtigen Grund hätte, entweder einen Angriff einer dritten Macht, oder irgendein den allgemeinen Frieden bedrohendes Ereignis zu erwarten, diese Regierung sofort mit der anderen beraten würde, ob die beiden Regierungen zusammen handeln sollen, um dem Angriff zuvorzukommen, oder den Frieden zu bewahren. In diesem Falle würden die beiden Regierungen über die gemeinsamen Maßnahmen beraten, welche sie zu ergreifen gedenken. Wenn diese Maßnahmen zu einem gemeinsamen Vorgehen führen sollten, würden die beiden Regierungen sofort die Pläne ihrer Generalstäbe in Betracht ziehen und dann darüber entscheiden, welche Folge diesen Plänen gegeben werden soll.

Über die politischen Ereignisse des Besuchs des Königs von England in Paris erfahre ich, dass zwischen Sir Edward Grey und Herrn Doumergue eine Reihe politischer Fragen erörtert worden ist. Außerdem ist französischerseits die Anregung erfolgt, die bestehenden besonderen militärpolitischen Abmachungen zwischen Frankreich und England durch analoge Abmachungen zwischen England und Russland zu ergänzen. Sir Edward Grey hat den Gedanken sympathisch aufgenommen, sich aber außerstande erklärt, ohne Befragen des englischen Kabinetts irgendeine Bindung zu übernehmen. Der Empfang der englischen Gäste durch die französische Regierung sowie die Pariser Bevölkerung soll den Minister in hohem Grade beeindruckt haben. Es ist zu befürchten, dass der englische Staatsmann, der zum ersten Male in amtlicher Eigenschaft im Ausland geweilt und, wie behauptet wird, überhaupt zum ersten Male den englischen Boden verlassen hat, französischen Einflüssen in Zukunft noch in höherem Grade unterliegen wird, als das bisher schon der Fall war.

Die Nachricht, dass französischerseits anlässlich des Besuchs des Königs von England in Paris militärische Abmachungen zwischen England und Russland angeregt worden sind, wird mir bestätigt. Über die Vorgeschichte erfahre ich zuverlässig, dass die Anregung auf Herrn Iswolski zurückgeht. Der Gedanke des Botschafters war es gewesen, die erwartete Feststimmung der Tage von Paris zu einer Umwandlung der Tripleentente in ein Bündnis nach Analogie des Dreibundes auszunutzen. Wenn man sich schließlich in Paris und Petersburg mit weniger begnügt hat, so scheint dafür die Erwägung maßgebend gewesen zu sein, dass in England ein großer teil der öffentlichen Meinung dem Abschluss förmlicher Bündnisverträge mit anderen Mächten durchaus ablehnend gegenübersteht. Angesichts dieser Tatsache hat man sich trotz der zahlreichen Beweise für den gänzlichen Mangel an Widerstandskraft der englischen Politik gegen Einflüsse der Entente – ich darf an die Gefolgschaft erinnern, die noch jüngst Russland in der Frage der deutschen Militärmission in der Türkei von England erfahren hat – offenbar gescheut, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Es ist vielmehr die Taktik langsam schrittweisen Vorgehens beschlossen worden. Sir Edward Grey hat die französisch-russische Anregung im englischen Ministerrat warm vertreten, und das Kabinett hat sich seinem Votum angeschlossen. Es ist beschlossen worden, in erster Linie ein Marineabkommen in Auge zu fassen, und die Verhandlungen in London zwischen der englischen Admiralität und dem russischen Marineattaché stattfinden zu lassen.

Die Befriedigung der russischen und französischen Diplomatie über diese erneute Überrumpelung der englischen Politiker ist groß. Man hält den Abschluss eines formellen Bündnisvertrages nur noch für eine Frage der Zeit. Um dies Ergebnis zu beschleunigen, würde man in St. Petersburg sogar zu gewissen Scheinkonzessionen an England in der persischen Frage bereit sein. Die zwischen den beiden Mächten in dieser Hinsicht in letzter Zeit aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten haben noch keine Erledigung gefunden. Russischerseits arbeitet man vorläufig mit beruhigenden Versicherungen wegen der Besorgnis, die in England im Hinblick auf die Zukunft Indiens in neuerer Zeit wieder hervorgetreten sind.

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Man ist in Petersburg und London sehr beunruhigt wegen der französischen Indiskretion über die russisch-englische Marinekonvention. Sir Edward Grey befürchtet Anfragen im Parlament. Der Marineattaché, Kapitän Wolkow, der einige Tage in Petersburg gewesen ist, vermutlich um Instruktionen für die Verhandlungen in Empfang zu nehmen, ist nach London zurückgekehrt. Die Verhandlungen haben bereit begonnen.

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Im Unterhaus wurde von ministerieller Seite an die Regierung die Anfrage gerichtet, ob Großbritannien und Russland jüngst ein Marineabkommen geschlossen hätten, und ob Verhandlungen zwecks Abschluss einer solchen Vereinbarung unlängst zwischen den beiden Ländern stattgefunden hätten oder gegenwärtig im Gange sind.

Sir Edward Grey nahm in seiner Antwort Bezug auf ähnliche im Vorjahre an die Regierung gerichtete Anfragen. Der Premierminister habe damals, so fuhr Sir Edward Grey fort, geantwortet, es bestünden für den Fall des Ausbruches eines Krieges zwischen europäischen Mächten keine unveröffentlichten Vereinbarungen, die die freie Entschließung der Regierung oder des Parlaments darüber, ob Großbritannien an einem Kriege teilnehmen solle oder nicht, einengen oder hemmen würden. Diese Antwort sei heute ebenso zutreffend wie vor einem Jahre. Es seien seither keine Verhandlungen mit irgend einer Macht abgeschlossen worden, die die fragliche Erklärung weniger zutreffend machen würden. Keine derartigen Verhandlungen seinen im Gange und es sei auch, soweit er urteilen könne, nicht wahrscheinlich, dass in solche eingetreten werden würde. Wenn aber irgendein Abkommen abgeschlossen werden sollte, das eine Zurücknahme oder eine Abänderung der erwähnten letztjährigen Erklärung des Premierministers nötig machen sollte, so müsste dasselbe seiner Ansicht nach, und das würde wohl auch der Fall sein, dem Parlament vorgelegt werden.

Die englische Presse enthält sich in ihrer großen Mehrzahl jeglicher Bemerkungen zu der Erklärung des Ministers. Nur die beiden radikalen Blätter „Daily News“ und „Manchaster Guardian“ äußern sich in kurzen Leitartikeln.

Die erstgenannte Zeitung begrüßt die Worte Sir Edward Greys mit Genugtuung und meint, sie seien klar genug, um jeden Zweifel zu zerstreuen. England sei nicht im Schlepptau irgend eines anderen Landes. Es sei nicht der Vasall Russlands, nicht der Verbündete Frankreichs und nicht der Feind Deutschlands. Die Erklärung sei eine heilsame Lektion für diejenigen englischen Pressleute, die glauben machen wollen, dass es eine „Tripleentente“ gebe, die dem Dreibund wesensgleich sei.

Der „Manchaster Guardian“ hingegen ist durch die Erklärung des Ministers nicht befriedigt. Er bemängelt ihre gewundene Form und sucht nachzuweisen, dass die Auslegung zulasse, die das Vorhandensein gewisser, vielleicht bedingter Verabredungen der gerüchteweise verlautbarten Art nicht durchaus ausschlössen. Die Erklärung Sir Edward Greys entspreche einer vertraulichen Äußerung einer Persönlichkeit aus der nächsten Umgebung des Ministers:

„Er könne aufs ausdrücklichste und bestimmteste versichern, dass keinerlei Abmachungen militärischer Natur zwischen England und Frankreich bestünden, obwohl der Wunsch nach solchen auf französischer Seite wiederholt kund gegeben worden sei. Was das englische Kabinett Frankreich abgeschlagen habe, werde es Russland nicht gewähren. Es sei keine Flottenkonvention mit Russland geschlossen worden, und es werde auch keine geschlossen werden.“

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Sir Edward Grey hat offenbar das Bedürfnis empfunden, den Ausführungen des „Manchaster Guardian“ über seine Interpellationsbeantwortung in Sachen der angeblichen englisch-russischen Flottenentente sogleich nachdrücklich entgegenzutreten. Die „Westminster Gazette“ bringt an leitender Stelle aus der Feder Mr. Spenders, der bekanntlich zu den intimsten politischen Freunden Sir Edward Greys gehört, ein Dementi, das an Bestimmtheit nicht zu wünschen übrig lässt.

Es ist darin gesagt: „Es besteht kein Flottenabkommen und es schweben keine Verhandlungen über ein Flottenabkommen zwischen Großbritannien und Russland Niemand, der den Charakter und die Methoden Sir Edward Greys kenne, werde auch nur einen Augenblick annehmen, dass die von ihm abgegebene Erklärung bezwecke, die Wahrheit zu verschleiern.“

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Dass die Erklärung Sir Edward Greys im englischen Unterhaus über das englisch-russische Marineabkommen von der öffentlichen Meinung in England so bereitwillig akzeptiert worden ist, hat hier und in Petersburg große Erleichterung hervorgerufen. Die Drahtzieher der Aktion hatten schon befürchtet, dass der schöne Traum des neuen Dreibundes ausgeträumt sein könne. Es fällt mir übrigens schwer daran zu glauben, dass es dem „Manchaster Guardian“ allein beschieden gewesen sein sollte, den Trick zu durchschauen, dessen sich Sir Edward Grey bediente, indem er die Frage, ob Verhandlungen über ein Marineabkommen mit Russland schwebten oder im Gange seien, nicht beantwortete, sondern die ihm gar nicht gestellte Frage verneinte, ob England bindende Verpflichtungen bezüglich der Beteiligung an einem europäischen Kriege eingegangen sei. Ich neige vielmehr der Ansicht zu, dass die englische Presse in diesem Falle wieder einmal einen Beweis für ihre bekannte Disziplin in Behandlung von Fragen der auswärtigen Politik gegeben und, sei es auf mo d'ordre hin, sei es aus politischen Instinkt, geschwiegen hat. Welchen Kritiken und welchen Bemängelungen seitens der deutschen Volksvertreter und der deutschen Presse würde nicht die kaiserliche Regierung ausgesetzt sein, welches Geschrei über unsere auswärtige Politik und unsere Diplomaten würde sich nicht erheben, wenn eine ähnliche Erklärung vor dem Reichstag abgegeben würde! In dem parlamentarischen England schweigt jedermann, wenn ein Minister in so offenkundiger Weise die eigene Partei, die Volksvertretung und die öffentliche Meinung des ganzen Landes irre zu führen sucht. Was bringt nicht England alles seiner Germanophobie zum Opfer.

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Von einer Stelle, die sich die alten Sympathien für Deutschland bewahrt hat, ist mir mit der Bitte um strengste Geheimhaltung die gehorsamst beigefügte Aufzeichnung über eine Konferenz zugegangen, die am 26. Mai 1914 beim Chef des russischen Marinestabes stattgefunden hat und in der die Grundlagen für die Verhandlungen über das russisch-englische Marineabkommen festgestellt worden sind. Zu welchem Ergebnis die Verhandlungen bis jetzt geführt haben, wusste mein Gewährsmann noch nicht, äußerte aber sehr ernste Besorgnisse über die Förderung, die der russische Nationalismus erfahren werde, wenn das Abkommen tatsächlich zustande komme. Sei man des Mitgehens Englands erst gewiss, so würden die bekannten panslawistischen Hetzer nicht zögern, die erste sich bietende Gelegenheit zu benutzen, um es zum Kriege zu bringen. Auch Herr Sasonow treibe zusehends mehr in das Fahrwasser der russischen Kriegspartei.

Anlage

St. Petersburg, den 13./26. Mai 1914

Von der Erwägung ausgehend, dass eine Vereinbarung zwischen Russland und England erwünscht sei über das Zusammenwirken ihrer maritimen Streitkräfte, für den Fall kriegerischer Operationen Russlands und Englands unter Teilnahme Frankreichs, gelangte die Konferenz zu folgenden Schlüssen:

Die geplante Marine-Konvention soll die Beziehungen zwischen den russischen und den englischen Streitkräften zur See in allen Einzelheiten regeln, deshalb ist eine Verständigung über Signale und Spezialchiffre, Radiotelegramme und der Modus des Verkehrs zwischen den russischen und englischen Marinestäben herbeizuführen. Die beiden Marinestäbe sollen sich außerdem regelmäßig gegenseitig Mitteilung machen über die Flotten dritter Mächte und über ihre eigenen Flotten; besonders über technische Daten sowie über neu eingeführte Maschinen und Erfindungen.

Nach dem Vorbild der franco-russischen Marine-Konvention soll auch zwischen dem russischen und dem englischen Marinestab ein regelmäßiger Meinungsaustausch zur Prüfung von Fragen, welche die Marineministerien beider Staaten interessieren, herbeigeführt werden.

Das russische Marineabkommen mit England soll gleich dem franco-russischen Marineabkommen vorher vereinbarte aber getrennte Aktionen der russischen und der englischen Kriegsmarine ins Auge fassen. Im Hinblick auf die strategischen Ziele ist zu unterscheiden einerseits zwischen den maritimen Operationen im Gebiet des Schwarzen Meeres und der Nordsee, andererseits zwischen dem voraussichtlichen Seekampfe im Mittelmeer. In beiden gebieten muss Russland bestrebt sein, von England Kompensationen dafür zu erhalten, dass es einen Teil der deutschen Flotte auf die russische abzieht. Im Gebiet des Bosporus und der Dardanellen sollen zeitweilige Unternehmungen in den Meerengen als strategische Operationen Russland im Kriegsfalle ins Auge gefasst werden.

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Die russischen Interessen in der Ostsee verlangen, dass England einen möglichst großen Teil der deutschen Flotte in der Nordsee festhält. Dadurch würde die erdrückende Übermacht der deutschen Flotte über die russische aufgehoben und vielleicht eine russische Landung in Pommern möglich werden. Hierbei könnte die englische Regierung einen wesentlichen Dienst leisten, wenn sie vor Beginn der Kriegsoperationen eine so große Zahl von Handelsschiffen in die baltischen Häfen schickte, dass der Mangel an russischen Transportschiffen ausgeglichen wird.

Was die Lage im Mittelmeer anbetrifft, so ist es für Russland höchst wichtig, dass dort ein sicheres Übergewicht der Streitkräfte der Entente über die austro-italienische Flotte hergestellt wird. Denn falls die österreichisch-italienischen Streitkräfte dieses Meer beherrschen, würden Angriffe der österreichischen Flotte im Schwarzen Meer möglich sein, was für Russland ein gefährlicher Schlag wäre. Es muss angenommen werden, dass die austro-italienischen Streitkräfte den französischen überlegen sind. England müsste daher durch Belassung der notwendigen Zahl von Schiffen im Mittelmeer das Übergewicht der Streitkräfte der Ententemächte mindestens so lange sichern, als die Entwicklung der russischen Marine noch nicht so weit fortgeschritten ist, um die Lösung dieser Aufgabe selbst zu übernehmen. Russische Schiffe müssten mit Zustimmung Englands als Basis im östlichen Mittelmeer die englischen Häfen benützen dürfen, ebenso wie die französische Marinekonvention der russischen Flotte gestattet, sich im westlichen Mittelmeer auf die französischen Häfen zu basieren.

Gelegentlich meiner heutigen Unterhaltung mit Herrn Sasonow wandte sich das Gespräch auch dem Besuch des Herrn Poincaré zu. Der Minister hob den friedfertigen Ton der gewechselten Trinksprüche hervor. Ich konnte nicht umhin, Herrn Sasonow darauf aufmerksam zu machen, dass nicht die bei derartigen Besuchen ausgetauschten Toaste, sondern die daran geknüpften Presskommentare den Stoff zur Beunruhigung geliefert hätten. Derartige Kommentare seien auch diesmal nicht ausgeblieben, wobei sogar die Nachricht von dem angeblichen Abschluss einer russisch-englischen Marinekonvention verbreitet worden sei. Herr Sasonow griff diesen Satz auf und meinte unwillig, eine solche Marinekonvention existiere nur in der Idee des „Berliner Tageblattes“ und im „Mond“.

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......Juli 1914

Euer pp. beehre ich mich beifolgend Abschrift eines Schreibens zu übersenden, das der Adjutant eines zurzeit hier weilenden russischen Großfürsten unter dem 25. d.M. von Petersburg aus an den Großfürsten gerichtet hat und über dessen wesentlichen Inhalt ich bereits telegraphisch berichten durfte. Das Schreiben, von dem ich auf vertraulichem Wege Kenntnis erhielt, erweist meines gehorsamen Dafürhaltens, dass man schon seit dem 24 d.M. in Russland zum Kriege entschlossen ist.

Anlage

12./25 Juli, Petersburg.

„In Petersburg waren große Unordnungen unter den Arbeitern, sie fielen sonderbar mit der Anwesenheit der Franzosen bei uns und mit dem österreichischen Ultimatum an Serbien zusammen. Gestern hörte ich von dem französischen Militäragenten General de la Guiche, er habe gehört, dass Österreich an den Arbeiterunruhen nicht unschuldig sei. Jetzt kommt aber alles rasch zu normalen Verhältnissen. Und es scheint, dass, von den Franzosen ermutigt, unsere Regierung aufgehört hat, vor den Deutschen zu zittern. Es war längst Zeit! Es ist besser, sich einmal klar auszusprechen, als sich ewig hinter den „professionellen Lügen“ der Diplomaten zu verbergen. Das Ultimatum Österreichs ist von unerhörter Frechheit, wie alle hiesigen Zeitungen einmütig sagen.

Eben habe ich die Abendzeitungen gelesen-gestern war Sitzung des Ministerrats; der Kriegsminister hat sehr energisch gesprochen und bestätigt, dass Russland zum Kriege bereit sei, und die übrigen Minister haben sich voll angeschlossen; es wurde in entsprechendem Geist ein Bericht an den Kaiser fertiggestellt, und dieser Bericht wurde an demselben Tage bestätigt. Heute wurde im „Russischen Invaliden“ eine vorläufige Mitteilung der Regierung veröffentlicht, dass „die Regierung sehr durch die eingetretenen Ereignisse und die Absendung des österreichischen Ultimatums an Serbien besorgt sei. Die Regierung verfolgt aufmerksam die Entwicklung der serbisch-österreichischen Zusammenstöße, bei denen Russland nicht gleichgültig bleiben kann.“

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Diese Mitteilung ist von allen Zeitungen mit sehr günstigen Kommentaren nachgedruckt worden. Wir alle sind überzeugt, dass dieses Mal keine Rasputins Russland verhindern werden, seine Pflicht zu erfüllen. Deutschland, das Österreich vor schickt, ist fest entschlossen, sich mit uns zu messen, bevor wir unsere Flotte ausbauen, und die Balkanstaaten haben sich noch nicht vom Kriege erholt.

Auch wir müssen der Gefahr ins Gesicht sehen und nicht unseren Kopf verstecken, wie während des Balkankrieges, da Kokowzow nur an die Börse dachte. Damals wäre aber der Krieg leichter gewesen, da der Balkanbund voll bewaffnet war. Aber bei uns trieb man die Straßen-Demonstrationen, die gegen das elende Österreich gerichtet waren, durch die Polizei auseinander! Jetzt aber würde man ebensolche Demonstrationen freudig begrüßen. Überhaupt wollen wir hoffen, dass das Regiment der Feiglinge (nach Art Kokowzows) und gewisser Schreier und Mystiker vorüber ist. Der Krieg ist ein Gewitter. Mögen auch Katastrophen kommen, es wäre immer besser, als in dieser unerträglichen Schwüle zu beharren. Aus Erfahrung weiß ich bestimmt, dass für mich der ruhigste Platz in der Front ist, wo man die Gefahr in ihrer natürlichen Größe sieht, und das ist gar nicht so furchtbar; am schlimmsten ist es in der Nachhut, in der die Atmosphäre der Feigheit herrscht, unwahrscheinliche Gerüchte umlaufen und Paniken entstehen. Im künftigen Kriege aber wird das Innere Russlands die Nachhut sein.